Lauriane Sallin in Marokko

In ihrer Rolle als Botschafterin von Corelina ist Lauriane Sallin letzte Woche nach Marokko gereist. Die neue Miss Schweiz schildert in einem selbst geschriebenen Bericht ihre Eindrücke und Erlebnisse der Reise.


« Meine Reise beginnt im Büro von Terre des Hommes in Rabat, Marokko. Man erzählt mir von den schier endlosen Strecken, die marokkanische Familien zurücklegen müssen, um diesen Ort zu erreichen. Oft ist es eine Reise von einigen Kilometern für die teils sehr isolierten Familien. Sie findet auf dem Rücken eines Esels statt, kostet Energie und stellt später viele administrative Forderungen. In diesem Büro von Terre des Hommes finden sich die Ärmsten des Landes wieder.

Wir sind eine kleine Gruppe – zwei Ärzte des Inselspital Bern und Stiftungsräte von Corelina, Dr. Damian Hutter, Kinderkardiologe, und Prof. Alexander Kadner, Kinderherzchirurg, sowie zwei Verantwortliche von Terre des Hommes, Heang Cavadini aus Lausanne und Amina Smimine aus Marokko. Zudem ein Fotograf, zwei Mitglieder der Miss Schweiz Organisation und ich.

Ein kleines Mädchen weint, sie ist nahe bei ihrer Mutter. Sie will nicht in die Schweiz zurückkehren. Sie war eines jener Kinder, die im Sommer im Inselspital von Ärzten, die Teil von Corelina sind, operiert wurde. Ihre Tränen sind kein Zeichen von Groll oder Wut, sie sind ein Zeichen für das, was dieses kleine Mädchen durchlebt hat. Mit nur sechs Jahren ist sie ohne ihre Familie in die Schweiz gereist, um am Herzen operiert zu werden. Das Mädchen hat den Schweizer Ärzten ihr Leben zu verdanken, doch die Trennung bleibt eine schmerzhafte Erinnerung, unsere Anwesenheit lässt diese Erlebnisse wiederaufkommen.

Man erzählt mir von schlimmen Schicksalen, von Kindern, die hier untersucht werden und teilweise doch nicht geheilt werden können. Denn in Marokko hat es mehr herzkranke Kinder, als von Corelina geholfen werden könnte. Bei jeder Untersuchung muss eine Entscheidung getroffen werden: Operation ja oder nein? Leben ja oder nein? Kriterien wie Alter, Fortschritt der Krankheit, Komplexität spielen eine grosse Rolle. Ich gebe zu, dass ich in dem Moment, als ich das hörte, ein komisches Gefühl hatte. Ich fühlte eine Art Ungerechtigkeit und hatte den Gedanken, all diesen Kindern etwas schulden zu müssen. Doch ich lernte, dass die Auswahl der Kinder wichtig ist, um den Einzelnen auf ganzer Linie helfen zu können – sie macht die Arbeit effizient und optimiert die Erfolge. Allen könne man leider nie helfen.

Später besuchen wir das Kinderspital von Rabat. Wir nehmen ein Taxi und werden vor dem Eingang des Spitals abgeladen – ich staune noch immer, wie viele Leute da warteten. Man erklärt mir, dass heute der Tag der Sprechstunden sei und dass die Leute warten, um behandelt zu werden. Der Service ist überlastet. In Marokko hat niemand das Geld, eine Versicherung abzuschliessen. Die Kosten für eine Behandlung im Spital sind exorbitant hoch, die Wartezeiten lang.

Wir treten ein, treffen den Direktor des Kinderspitals. Bei jedem Treffen komme ich mit einem anderen Aspekt des Projekts in Berührung. Am Morgen habe ich im Büro von Terre des Hommes viel über die soziale Ungleichheit erfahren. Und nun befinden sich vor mir alle Dokumente mit Vereinbarungen, die zwischen Corelina und dem Kinderspital getroffen wurden. Gute Neuigkeiten machen sich breit, denn die Spitalleitung hat beschlossen, mit der Hilfe von Corelina einen Gebäudeteil für ein Kinderherzzentrum umzubauen. Es scheint, als dass die Anwesenheit der Schweizer Ärzte die Verantwortlichen vor Ort zu diesem Schritt motiviert. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit hoffen die Ärzte auf die Entstehung einer Einheit, die zukünftig herzkranke Kinder gleich vor Ort in Rabat operieren kann.

Das Ziel dieser Reisen ist es, Verständnis zu schaffen und den Ärzten vor Ort fachlich zur Seite zu stehen. Es ist ein Verständnis, das sich auf einen prinzipiellen Aspekt konzentriert: das Kind. Hier in Rabat fehlen Material, Personal, Infrastruktur. Doch die Motivation ist da. Ich bin Zeugin davon. Dieses Projekt hat viele Ziele, die sich vielleicht nie alle erreichen lassen. Doch ich glaube daran, dass die Kinder aus Marokko eines Tages nicht mehr in die Schweiz kommen müssen, um operiert zu werden. Denn dies würde nicht nur Kosten für die Flüge und Logistik vermeiden, sondern auch die lange Reise der Kleinen, getrennt von ihrer Familie. Wenigstens diese Lebensprüfung soll den Kindern, die es sonst schon schwer genug haben, erspart bleiben. »

Lauriane Sallin, Miss Schweiz 2016

Alle Fotos von David Biedert

Corelina – Stiftung für das Kinderherz